narrative
Ingmar Alge, Julia Bornefeld, Wolfgang Capellari, Clegg&Guttmann, Adriana Czernin, Sabine Groschup, Sven Johne, Yves Netzhammer, Raymond Pettibon, Lois Renner, Sylvie Riant, Daniel Richter, Hans Weigand
18. März bis 30. Mai 2008
Kuratorin: Silvia Höller
Anhand von dreizehn künstlerischen Positionen versucht unsere Ausstellung „narrative“ einen Eindruck von Erzählstrukturen in der zeitgenössischen Kunst zu vermitteln – der allerdings nur als fragmentarisch gesehen werden kann. Es handelt sich um Künstlerinnen und Künstler, die sich mit der Kunst des Erzählens auf sehr unterschiedliche Art und Weise auseinandersetzen.
So finden wir bei Yves Netzhammer, Daniel Richter oder Wolfgang Capellari rätselhafte Bilderwelten, die sich einer eindeutigen Lesbarkeit entziehen und sich uns wie Traumsequenzen eröffnen. Ruhige Momentaufnahmen wie bei Ingmar Alge, der uns mit seinem Ölbild „Flüchtling“ mit der aktuellen Diskussion rund um die Einwanderungspolitik konfrontiert. Das Porträt dient nicht mehr als Charakterisierung der dargestellten Personen, sondern wird wie bei Clegg & Guttmann zur narrativen Darstellung von Bevölkerungsgruppen oder wie bei Adriana Czernin zur stereotypen Figur, die in immer neuen geometrischen Mustern gefangen wie in einer Endlosschleife immer dieselbe Geschichte wiederholt, die paradigmatisch für die Zwänge und Normen zu stehen scheint, denen das menschliche Dasein unterliegt.
Ausgangspunkt für die jeweilige Erzählung sind vielfach reale Ereignisse wie bei Sven Johne, der sich ähnlich einem Reporter mit Schiffuntergängen in einer Art Beweisaufnahme auseinandersetzt oder wie bei Sylvie Riant, die mit ihrer Riesenspinne im Foyer den in Apulien beheimateten Aberglauben des Tarantismus thematisiert. Gelebte Realität und zwar in Form von Erinnerung spielt auch im Animationsfilm von Sabine Groschup eine Rolle. Dort ist es ihre Großmutter, die sich an ihre naiven Kindheitsvorstellungen vom „Kinderkriegen“ erinnert.
Oftmals bildet aber auch unsere enorm überladene Visualität des alltäglichen Lebens den Ausgangspunkt der künstlerischen Erzählung. Hans Weigand bannt diese auf einem überdimensionalen Wandteppich, um ironisch wie plakativ die Golfkriegproblematik zu reflektieren. Wie für Hans Weigand spielt auch für den renommierten amerikanischen Künstler Raymond Pettibon die Welt des Comic, der Pop- und Subkulturen eine zentrale Rolle. Eines seiner ersten Themen war die Kritik der Subkultur der 60er Jahre und deren letztendlich fehlgeschlagenen Auflehnung gegen die Autorität ihrer Väter. Kennzeichnend für Pettibon ist die dem Comic entlehnte Bild und Text Kombination, die bei ihm aber stets nur eine fragmentarische Erzählung bildet. Eine Narration der ganz eigenen Art finden wir bei Lois Renner. In immer neuen Variationen zeigen seine Fotografien verwirrende Einblicke in fiktive Innenräume, die jedoch tatsächlich nur im Maßstab verkleinerter Modelle existieren und so zu einer Erzählung der Dingwelt mutieren.
Wie der kurze Blick auf die ausgestellten Werke zeigt, begnügt sich die heutige Kunstproduktion meist nicht mehr damit eine Geschichte im klassischen Sinne zu erzählen, sondern sie will, dass der Betrachter die Geschichte aktiv mitgestaltet – sie will Emotionen und Assoziationen auslösen. Als Beispiel dafür sei abschließend das „Flossenkleid“ von Julia Bornefeld genannt. In vielen ihren Arbeiten variierte sie dieses Motiv der Flosse als Synonym für Meerjungfrauen, Nixen oder Sirenen. Wir kennen diese Mischwesen als bedrohliche Verführerinnen, als „Musen des Jenseits“, als erlösungssuchende oder als lebensspendende Wesen. Kulturenübergreifend gehören die weiblichen Wassergestalten zum festen Personal tradierter Erzählungen, Mythen und Sagen. Tiefenpsychologisch betrachtet reflektiert ihre ambivalente Symbolgeschichte das Spektrum weiblicher Archetypen – von der Urmutter bis zum schutzbedürftigen Weibchen. In dieser Weise lässt sich das „Flossenkleid“ mit unterschiedlichen Inhalten aufladen und wird so zur idealen Metapher für die Macht der Erzählung.
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Ingmar Alge
Ohne Titel (Flüchtling), 2007 Ö l/Leinwand, 182 x 232 cm
Courtesy Galerie Kuckei + Kuckei, Berlin
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Adriana Czernin
Ohne Titel, 2007
Tusche, Farbstifte auf Papier, 51 x 73 cm
Privatsammlung Graz |
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Yves Netzhammer
Die Subjektivierung der Wiederholung, 2007
DVD-PAL, 31.15 min
Courtesy Galerie Anita Beckers, Frankfurt am Main
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Lois Renner
Die Zeit ist ein Mörder, 2006
C-Print, 100 x 120 cm
Courtesy Galerie Mauroner Contemporary Art, Wien
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Daniel Richter, Don´t mess with Jill, dem Verfeinerer der Geschichte, 2001
Lack, Öl/Leinwand, 231 x 252 cm
Kunsthalle zu Kiel, Dauerleihgabe
Stifterkreis Kunsthalle zu Kiel
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Hans Weigand
Golfkrieg III, 2007
Teppichdruck, 215 x 450 cm
Courtesy Galerie Crone, Berlin
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