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INFOBOX


Arnulf Rainer
Malerei, um die Malerei zu verlassen


Anlässlich des 70. Geburtstages des Künstlers hat Werner Hofmann, gewiss einer der beredtsten Kenner des Gesamtwerks, welcher es auch historisch verankert hat, von Rainer als einer Notwendigkeit gesprochen. Ich habe diesen strengen und sicher auch moralisch gefassten Begriff nicht nur auf dem Hintergrund und im Kontext so vieler unnotwendiger Künstler gesehen, sondern ihn vor allem dahingehend interpretiert, dass dieser Künstler, stellvertretend für alle, Risiken auf sich nimmt, sich Gefährdungen aussetzt, um uns von „jenseitigen“ Erfahrungen zu berichten.

Dieser Aphoristiker der Wut und Essayist des Schweigens, so hat ihn der österreichische Schriftsteller Gerhard Roth einmal bezeichnet, ist nicht nur ohne Zweifel eine singuläre und zentrale Figur der österreichischen Kunst nach 1945, sondern auch einer der wenigen Protagonisten, die auch mit internationalen Tendenzen in Beziehung gebracht werden können. Dies gilt vor allem für seine Übermalungen und Zumalungen, die man in der Diskussion um Monochromie und Mystizismus in eine Reihe mit Manzoni, Rothko, Reinhardt oder Newman stellen muss. Der Künstler, der André Breton mit seinen Wahnwelten, Dokumenten eines phantastischen Horror Vacui konfrontierte, also vom Surrealismus her aufbrach, dessen Auseinandersetzung mit Körpersprache und Mimik als Entgrenzungsversuchen ihn in die Nähe der eher behavioristischen amerikanischen Body-Art rückte, der sich mit der Art Brut intensiv befasste oder mit Meskalin experimentierte, um in die Tiefe des Unbewussten hinabzutauchen, ist der Mystiker der Malerei des 20. Jahrhunderts geblieben: ein Maler immer am Absprung von der Malerei, sie problematisierend, sie provozierend in fortwährender Dialektik von Spruch und Widerspruch, immer auf der Suche nach der Verbesserung des Bildes.
Nicht ohne Grund ist Rainer immer wieder mit der Figur des Malers Frenhofer aus Balzacs Novelle „Das Meisterwerk“ verglichen worden, der sein Werk immer wieder korrigierte, um dann mit einem vollkommen ausgelöschten Bild zu enden.

Haben wir zuerst die meditativen Maler des amerikanischen Expressionismus erwähnt und stellen wir in deren Werk vor allem bei Rothko und Reinhardt eine Tendenz zum Mystizismus fest, so antwortet Rainer hier mit seinen Zumalungen, die oft nur mehr einen minimalen Lichtstreif der Hoffnung aufweisen, und spricht von dem Ideal der Langsamkeit, der Verschwiegenheit und Abtötung, ja dem Verzicht auf eine Ausdruckshaltung.

Am anderen Ende haben wir den Dialog, den Rainer mit der Welt in Form von originalen Kunstwerken (zu Beginn), aber später in den thematisch zusammenhängenden Reproduktionsfolgen mit den Fotografien unterhält, die uns heute als fast enzyklopädische Bilderfolgen erscheinen.
Von den grimassierenden Köpfen des barocken Bildhauers F. X. Messerschmitt reicht diese Anthologie zu den Dokumenten eines zerstörten Hiroshima, von Alltagspornographie zu den Mariendarstellungen der italienischen Renaissance, Naturgeschichte steht neben Kunstgeschichte, Hohes neben Niedrigem. Nichts ist vor Rainers Zugriff sicher, nichts, was er nicht befragt, mit dem er nicht dialogisiert.

Es sind Deutungsversuche, Interpretationen, oft wütende Antwort fordernde Dialoge, denkt man etwa an die Totenmasken oder die Cadaveri. Die Vorbilder bleiben unter der Überarbeitung sichtbar.
Otto Mauer hat einmal von den Vorhängen gesprochen und von Rainer behauptet, dass er Vorhänge schafft, hinter denen wir unsere Hoffnung verbergen, dass das Eigentliche, das zu jeder Zeit noch ansteht, zum Vorschein komme. Der Begriff Vorhang kommt jetzt zu Recht. Gerade in den Folgen der Kristallwelten spielt die lyrische Farbe eine Rolle, die Harmonie der Farbschwünge, die nicht mehr expressiv eingesetzt werden. Die Zeit der Ringkämpfe ist vorbei. Das vordem verdrängte Licht darf strahlen, funkeln, scheinen.

Peter Weiermair


 
Die Infobox bietet detaillierte Informationen zur Ausstellung. Interessante Berichte und Bildmaterial stehen zum Download als .pdf zur Verfügung.







Arnulf Rainer, aus dem Zykuls Kristalle, 2002
Mischtechnik auf Papier
jeweils 29,8 x 42 cm


Arnulf Rainer, aus dem Zykuls Kristalle, 2002
Mischtechnik auf Papier
42 x 29,8 cm





Arnulf Rainer
Ohne Titel, 1996 aus der Werkgruppe
"Mikrokosmos-Makrokosmos" (1994 - 1996), Öl/Mischtechnik auf Karton auf Holz
121,5 x 122 cm

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